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Erbschleicherei

Erbrecht · Aktuelle Rechtsprechung

Erbschleicherei: Wenn der letzte Wille fremdbestimmt ist

Zwei aktuelle Entscheidungen von OLG Celle und BGH zeigen, wie sich Angehรถrige wehren kรถnnen – und wann Gerichte zweifelhaften Testamenten und missbrauchten Vorsorgevollmachten den Riegel vorschieben.
„Vier Tage nach dem Einzug bei ihrer Berufsbetreuerin verstarb die 92-jรคhrige Erblasserin. Den Erbschein bekam die Betreuerin nie."

In Deutschland wird mehr vererbt als jemals zuvor – und gleichzeitig leben immer mehr Menschen in langjรคhriger Pflegeabhรคngigkeit. Eine Konstellation, die der sogenannten Erbschleicherei Tรผr und Tor รถffnet. Immer hรคufiger werden Familien von Testamenten รผberrascht, in denen plรถtzlich Pflegekrรคfte, Berufsbetreuer oder einzelne Verwandte als Alleinerben auftauchen. Zwei aktuelle Gerichtsentscheidungen geben Angehรถrigen jetzt deutlich bessere Karten in die Hand.

Wenn das Testament gegen die guten Sitten verstรถรŸt

Nicht jeder ungewรถhnliche letzte Wille ist gleich anfechtbar. Grundsรคtzlich gilt: Jede testierfรคhige Person darf frei darรผber entscheiden, wem sie ihr Vermรถgen vererbt. Doch wenn eine pflegebedรผrftige, schwer kranke oder dement gewordene Person plรถtzlich eine ihr erst seit Tagen bekannte Pflegerin oder Betreuerin als Alleinerbin einsetzt, mรผssen alle Alarmglocken schrillen.

Entscheidend ist dann nicht nur der Inhalt des Testaments, sondern vor allem die Umstรคnde, unter denen es entstanden ist. VerstรถรŸt ein Testament gegen die guten Sitten – etwa weil es unter physischem oder psychischem Druck zustande gekommen ist – ist es nach § 138 BGB nichtig. Der Erbschein wird dann verweigert, das Testament entfaltet keine Rechtswirkung.

Hรคtten Sie es gewusst? – Der Fall vor dem OLG Celle

Eine 92-jรคhrige Witwe lag schwer krank im Krankenhaus, als ihre einzige Tochter starb. Zwei Tage spรคter bestellte das Amtsgericht eine Berufsbetreuerin. Gegenรผber der Betreuungsrichterin hatte die alte Dame zuvor noch geรคuรŸert, ihren Nachlass von rund 350.000 Euro der Kirche vermachen zu wollen.

Es kam jedoch ganz anders: Die frisch bestellte Betreuerin organisierte einen Notar, der noch am Krankenbett ein Testament beurkundete – mit ihr selbst als Alleinerbin. Wenige Tage spรคter zog die Erblasserin bei der Betreuerin ein. Vier Tage darauf verstarb sie.

Das Nachlassgericht verweigerte den Erbschein. Auch die Beschwerde scheiterte: Hohes Alter, schlechter Gesundheits- und Geisteszustand, fehlender Lebenswille und die Einschaltung des Notars durch die Betreuerin selbst – all das wertete das Gericht als starke Indizien fรผr eine sittenwidrige Beeinflussung. Auch die Begrรผndung, das Verhรคltnis sei nach kรผrzester Zeit „wie zwischen Mutter und Tochter" gewesen, hielt einer Prรผfung nicht stand.

OLG Celle, Beschluss vom 09.01.2024, Az. 6 W 175/23

Vorsorgevollmacht: Wenn Vertrauen zur Falle wird

Eine Vorsorgevollmacht ist eigentlich ein Segen. Sie verhindert, dass im Krankheits- oder Pflegefall ein gerichtliches Betreuungsverfahren angeordnet werden muss – die bevollmรคchtigte Person kann sofort handeln. Doch genau diese Macht ohne staatliche Kontrolle birgt eine erhebliche Gefahr: Eine bevollmรคchtigte Person kann die Vollmacht missbrauchen und schon zu Lebzeiten des Vollmachtgebers Vermรถgen umschichten oder sich selbst zuwenden. Man spricht dann von „Erbschleicherei zu Lebzeiten".

Das Mittel der Wahl gegen einen solchen Vollmachtsmissbrauch heiรŸt „Kontrollbetreuung". Das Betreuungsgericht setzt eine auรŸenstehende Person ein, die das Handeln der bevollmรคchtigten Person รผberprรผft und – im Ernstfall – sogar einen Vollmachtsentzug erwirken kann. Eine besonders wichtige Klarstellung hat dazu jรผngst der Bundesgerichtshof getroffen.

Hรคtten Sie es gewusst? – Die Entscheidung des BGH

Eine 90-jรคhrige, an Demenz erkrankte Frau lebte seit 2019 im Pflegeheim. Sie hatte ihren beiden Sรถhnen je eine notarielle General- und Vorsorgevollmacht erteilt, eine davon im Jahr 2015 jedoch widerrufen. 2018 schenkte sie dem weiterhin bevollmรคchtigten Sohn 900.000 Euro.

Auf Antrag des anderen Sohnes wurde 2021 erstmals eine Kontrollbetreuung eingerichtet, die jedoch keinen Vollmachtsmissbrauch feststellen konnte und 2022 wieder aufgehoben wurde. Wenig spรคter beantragte derselbe Sohn erneut eine Kontrollbetreuung mit dem Argument, die Mutter sei schon 2018 bei der Schenkung geschรคftsunfรคhig gewesen.

Der BGH entschied: Auch eine bereits einmal aufgehobene Kontrollbetreuung kann erneut angeordnet werden. Eine frรผhere Ablehnung sei keine endgรผltige Sperre. Gerade wenn eine Person ihre Rechte selbst nicht mehr wahrnehmen kann und der Bevollmรคchtigte – wie hier – durch eine zweifelhafte Schenkung selbst erheblich profitiert hat, sei eine erneute Prรผfung gerechtfertigt und verhรคltnismรครŸig.

BGH, Beschluss vom 26.03.2025, Az. XII ZB 178/24

Was Angehรถrige jetzt tun kรถnnen

  1. Frรผhzeitig hinschauen: Sobald sich auffรคllige Konstellationen ergeben – plรถtzliche Isolation pflegebedรผrftiger Verwandter, neue „Bezugspersonen" mit groรŸem Einfluss oder ungewรถhnliche Vermรถgensverschiebungen – sollten Sie nicht wegsehen, sondern aktiv werden.
  2. Dokumentation sichern: Halten Sie Beobachtungen, Zeugen, รคrztliche Befunde und ungewรถhnliche Vorgรคnge mรถglichst zeitnah und schriftlich fest. Im spรคteren Streit zรคhlt jedes Detail.
  3. Kontrollbetreuung anregen: Besteht ein konkreter Verdacht des Vollmachtsmissbrauchs, kann jeder Angehรถrige beim รถrtlichen Betreuungsgericht eine Kontrollbetreuung anregen – auch dann, wenn ein frรผherer Antrag erfolglos blieb.
  4. Testament prรผfen lassen: Wirkt ein Testament inhaltlich oder von den Umstรคnden her zweifelhaft, lohnt eine erbrechtliche Prรผfung. Sittenwidrigkeit, Testierunfรคhigkeit oder Anfechtbarkeit sind keineswegs nur theoretische Mรถglichkeiten.
  5. Anwaltliche Beratung suchen: Erbschleicherei ist juristisch komplex und die Beweisfรผhrung anspruchsvoll. Eine fundierte anwaltliche Begleitung erhรถht die Chancen erheblich, dass berechtigte Ansprรผche tatsรคchlich durchgesetzt werden kรถnnen.
Mein Fazit

Die Rechtsprechung hat in den vergangenen Jahren deutlich nachgeschรคrft. Sowohl das OLG Celle als auch der BGH zeigen: Gerichte sind durchaus bereit, zweifelhafte Testamente zu kippen und Bevollmรคchtigten genauer auf die Finger zu schauen – wenn die Angehรถrigen rechtzeitig und konsequent handeln. Wer einen begrรผndeten Verdacht hat, sollte ihn weder verdrรคngen noch aus falscher Pietรคt hinnehmen. Die juristischen Werkzeuge sind da – sie mรผssen nur eingesetzt werden.

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